Susanne Toepfer

Susanne Toepfer – Vizepräsidentin

Seit zwei Monaten nun beschäftige ich mich mit dem neuen Anordnungsmodell, das zur Vernehmlassung steht und ich kann mich trotz vieler Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen nicht damit anfreunden. Es ist und bleibt für mich keine wirkliche Verbesserung … ein Phyrrhussieg.

Ein wirklich grosser Schritt wäre es, wenn die psychologischen Psychotherapeuten und -therapeutinnen direkten Zugang zur Grundversicherung bekämen und nicht die Abhängigkeit vom delegierenden Psychiater durch die Abhängigkeit von den anordnenden Ärzten ersetzt wird! Wenn es kein Anordnungs- sondern ein Zuweisungsmodell wäre!

Ich habe den Eindruck, dass die Psychotherapie im eigentlichen Sinne und die psychoanalytische Psychotherapie im Speziellen als Kassenleistung abgeschafft werden sollen.

Unter den vorgeschlagenen Voraussetzungen hängen die jeweilige psychologische Psychotherapeutin und der Patient über die Dauer der Behandlung immer im luftleeren Raum: Wer übernimmt die Verantwortung? Wer kümmert sich denn nach den 15 Stunden wirklich noch um die Weiterführung? Wer übernimmt die Krankschreibungen, die Medikation, die IV-Berichte?

Wie kann ich mit einer schwer strukturell gestörten Patientin ein Vertrauensverhältnis bzw. ein Arbeitsbündnis aufbauen, wenn nie klar ist, ob und durch wen die nächsten 15 Sitzungen gesichert sind? Wie kann ich ein Containing bieten, wenn ich selber nicht verbindlich gesichert bin?
Wer trianguliert die Arbeit? Wohl kaum der anordnende Arzt oder der Vertrauensarzt.

Wie kann einer der vorgeschlagenen Ärzte für mich und die Patientin entscheiden, ob es weitere 15 Sitzungen braucht? Ob sie den Bericht an die Krankenkasse mit unterstützen? So wird unsere Kernkompetenz als psychoanalytische Psychotherapeutinnen in der Behandlung von schwer strukturell gestörten Patienten und Patientinnen eingeschränkt und verhindert.

Auch bin ich davon überzeugt, dass es für junge Kolleginnen und Kollegen immer schwieriger wird, wirklich Psychotherapien durchzuführen. Können Sie es unter den vorgeschlagenen Gegebenheiten noch wagen, eine Praxis zu eröffnen? Wie kommen Sie überhaupt zu den Zulassungsbedingungen, wenn nicht klar ist, wie die Ausbildungsstellen und Möglichkeiten zur Behandlung als AP-Psychologin immer weniger werden bzw. gar nicht mehr finanziert sind?

Offenbar bin ich ein eher pessimistischer Mensch, der sich nicht mit pragmatischen Lösungen zufriedengibt. Ich möchte nicht den Spatz in der Hand sondern wenn schon die Taube!

Bei all den Diskussionen dürfen wir – besonders als Mitglieder der Gremien des AZPP – nicht vergessen, dass hier etwas entschieden wird, was für die meisten von uns in unserem Berufsleben nicht mehr von grosser Bedeutung sein wird, aber für diejenigen, die wir am AZPP ausbilden!